Der erste Boersencrash
Mag man auch langfristig davon ausgehen können, dass ein gut diversifiziertes Depot mit werthaltigen Aktien anständige Gewinne einbringt. Kurzfristige Kursschwankungen sind trotz aller wissenschaftlicher Versuche kaum vorherzusagen. Auslöser solcher eindrucksvollen Kursschwankungen ist meistens die unkontrollierte Gier. Sie sorgt für Spekulationsblasen an der Börse ebenso wie für die „schwarzen Freitage“, also für Börsencrashs. Diese Erkenntnis ist schon recht alt. Ein gutes Beispiel für dieses massenpsychologische Phänomen ist der Tulpenzwiebelskandal Anfang des 17. Jahrhunderts in Holland.
1593 brachte ein Wiener Botanikprofessor eine Sammlung von Tulpenzwiebeln nach Leiden. Die Pflanzen hatte er zuvor in der Türkei entdeckt. Die Holländer mochten die Blumen. Leider verlangte der Professor Wucherpreise für die Zwiebeln. Das hätte er nicht tun sollen, denn nach einiger Zeit wurden ihm die Zwiebeln gestohlen. Dadurch gab es sie woanders zu einem niedrigeren Preis. Trotzdem war die Gewinnspanne höher. Die Tulpen waren also beliebt, nachgefragt und teuer. Den Kick aber brachte ein Virus. Der sorgte für kontrastreiche Streifen in den Blütenblättern. Das mochten die Holländer, denn es sah exotisch und bizarr aus. Sie nannten diese Streifen „Flammen“. Je mehr Flammen umso teurer war die Tulpenzwiebel.
Nun setzte langsam die Spekulation ein. Zunächst versuchten Händler vorherzusagen, welche Tulpenvariation in der kommenden Saison „in“ sein würde. Sie deckten sich mit der entsprechenden Sorte ein. Die Preise stiegen. Nach und nach entstand eine wahre Hysterie. Die Gier trieb bedächtige und solide Bürger aller Schichten ins lukrative Tulpengeschäft. Sie vernachlässigten sogar ihre eigentlichen Geschäfte, versilberten alles, was sie hatten, damit sie beim Tulpenboom nicht zu spät kamen. Um den Gewinn zu steigern, wurden neue Finanzinstrumente entwickelt – Call Optionen.
Der Tulpenboom dauerte etwa von 1634 bis 1637. Im Januar 1637 stieg der Preis für Tulpenzwiebeln um das 24fache. Im Februar erfolgte dann der plötzliche Absturz. Die Preise waren so hoch gestiegen, dass nun jeder die Gewinne mitnehmen wollte. Es kam nach dem Schneeballprinzip zu einer regelrechten Verkaufsorgie. Jeder wollte schließlich retten, was noch zu retten war. Hollands Regierung versuchte, die wirtschaftliche Katastrophe aufzufangen. Hilflos und natürlich ohne Erfolg erklärte sie den Verfall der Preise für grundlos. Alle Auffangmaßnahmen scheiterten am rasanten Preisverfall der Tulpenzwiebeln, die zum Schluss weniger als Gemüsezwiebeln wert waren. Nach dem Zerplatzen der Spekulationsblase folgte eine tief greifende Depression. Die ruinierte auch alle, die noch rechtzeitig und mit Gewinn verkauft hatten.
Manche bizarre Geschichten ranken sich um die bizarren Tulpengewächse. So sollte ein Seemann für das Heimbringen einer wertvollen Schiffsladung mit einem Fischfrühstück belohnt werden. Er fand auf der Anrichte im Speiseraum seines Auftraggebers eine Zwiebel, eingebettet in Samt und Seide. Damit konnte er nichts anfangen und so verspeiste er sie zusammen mit dem Fisch. Das brachte ihm mehrere Monate Gefängnis ein. Er hatte nämlich die äußerst wertvolle Zwiebel der Semper Augusta Tulpe aufgegessen.
Verantwortlich für diesen Beitrag: Andreas Lojewski




