Ausschüttende oder thesaurierende Fonds: wofür entscheiden?

Wird eine Geldanlage geplant, stehen in vielen Fällen allein Fragen nach der Assetklasse und nach der erwarteten Rendite im Mittelpunkt. Soll das Kapital in Aktien, in Renten oder in verzinste Sparprodukte investiert werden? Ist eine Investition in Einzelwerte oder in Fonds empfehlenswert? Welche Risiken kann man als Anleger verkraften, und mit welchen Renditeerwartungen wird die Investition vorgenommen?

Jeder Anleger sollte diese Fragen vor einer jeden Investition für sich beantworten. Fällt die Entscheidung für Fonds, ETFs, Sparbriefe oder ähnliches muss darüber hinaus noch eine weitere Entscheidung getroffen werden: Soll das zur Verfügung stehende Kapital in ein ausschüttendes Finanzprodukt oder in ein thesaurierendes angelegt werden?

Im Folgenden wollen wir kurz klären, was unter den Begriffen thesaurierend und ausschüttend zu verstehen ist und wann die eine und die andere Anlageform empfehlenswert ist. Dabei werden steuerliche Aspekte mit einbezogen.

Definitionen

Streng genommen lassen sich drei Fälle unterscheiden: thesaurierende Geldanlagen, ausschüttende Geldanlagen und wiederanlegende Geldanlagen.

Wer sich für Fonds entscheidet, wird gegenwärtig überwiegend thesaurierende Produkte finden, während die beiden anderen Varianten eher selten sind.

Manche Fonds können sowohl als thesaurierende Geldanlage als auch als ausschüttende Geldanlage erworben werden. Sonst investieren die Fonds in dieselben Wertpapiere. Diese Fonds verfügen dann über zwei unterschiedliche Wertpapierkennnummern.

Ausschüttende Fonds

Die erwirtschafteten Erträge werden regelmäßig an die Anleger ausgeschüttet. In welchen Zeitintervallen das geschieht, ist in den Verträgen zwischen Anleger und Herausgeber des Fonds festgelegt. In Deutschland ist häufig eine jährliche Ausschüttung vorgesehen. Möglich sind ebenso halbjährliche, vierteljährliche oder monatliche Ausschüttungen.

Ertrag ist von der Wertentwicklung des Fonds zu unterscheiden, die von der Kursentwicklung der Wertpapiere abhängt, in die der Fonds investiert. Erträge sind hauptsächlich Zinsen bei Renten und Dividenden bei Aktien.

Die ausgeschütteten Erträge stehen zur freien Verfügung des Anlegers. Er kann sie zur Bestreitung seines Lebensunterhalts verwenden oder anderweitig reinvestieren.

Thesaurierende Fonds

Thesaurierend bedeutet ganz allgemein, dass erwirtschaftete Erträge nicht ausgeschüttet („verschwendet“), sondern dort verbleiben, wo sie sind. Bei Fonds werden die im Verlauf eines Veranlagungszeitraums erwirtschafteten Gewinne also nicht an den Investor ausgeschüttet und damit dem Fondsvermögen entzogen.

Vielmehr werden die Erträge verwandt, um das gesamte Fondsvermögen zu erhöhen. Dadurch erhöht sich der Wert des Anteils eines jeden Investors entsprechend. Praktisch geschieht das durch Zukauf der Werte in die der Fonds regelmäßig investiert.

Wie bei einem Zinseszinseffekt steigt der Wert des vom Investor gehaltenen Fondsanteils dynamisch. Das bedeutet, je länger der Fondsanteil gehalten wird, desto größer ist die durch die Thesaurierung entstandene Wertsteigerung.

Durch den Zukauf der Fondsgesellschaft fallen keine Handelsgebühren an. Mit einem Verkauf werden die aufgelaufenen Gewinne realisiert.

Fonds mit Wiederanlage

Bei der Wiederanlage werden die Erträge – Zinsen oder Dividenden – erst ausgeschüttet dann aber von der Fondsgesellschaft erneut angelegt. Dies geschieht sofort nach Ausschüttung und unter Zuhilfenahme von automatischen Verfahren.

Durch die Wiederanlage der Erträge erhöht sich die Anzahl der Fondsanteile. Anleger erhalten also zusätzliche Fondsanteile oder Bruchteile eines Fondsanteils je nach Höhe des Ertrags, den er mit seinen bisherigen Fondsanteilen erwirtschaftet hat.

Ebenso wie bei der Thesaurierung profitiert der Anleger vom Zinseszinseffekt. Unter Renditegesichtspunkten besteht praktisch kein Unterschied zwischen den beiden Anlageformen.

Barausschüttung und Thesaurierung bei Sparbriefen

Sparbriefen liegt die Vereinbarung zugrunde, dass der Bankkunde seiner Bank einen bestimmten Betrag über eine bestimmte Zeit zu einem festen Zinssatz zur Verfügung stellt. Darüber stellt die Bank ihren Kunden eine Urkunde aus. Unterschieden werden drei Sparbriefarten:

Beim herkömmlichen Sparbrief werden die Zinsen jährlich, meistens zum Jahresende an den Inhaber des Briefs ausgezahlt. Der ursprünglich angelegte Betrag bleibt während der gesamten Laufzeit gleich. Zinseszinseffekte treten nicht ein.

Beim aufgezinsten Sparbrief werden die zum vereinbarten Termin anfallenden Zinsen einbehalten und erhöhen den angelegten Betrag. Auf die jeweils erhöhten Anlagebeträgen werden wiederum Zinsen gezahlt, die den Betrag erneut erhöhen. Es entsteht also ein Zinseszinseffekt. Am Ende der Laufzeit wird der Nennwert, zu dem der Sparbrief erworben wurde, zuzüglich Zinsen und Zinseszinsen ausgezahlt. Der aufgezinste Sparbrief ist also thesaurierend.

Beim abgezinsten Sparbrief wird ein bestimmter Nennbetrag vereinbart, der am Ende der Laufzeit ausgezahlt wird. Der Anleger kauft den Sparbrief aber nicht zu diesem Nennbetrag, sondern für eine Summe, die sich aus der Differenz vom Nennbetrag abzüglich der zu erwarteten Zinsen und Zinseszinsen ergibt. Anleger Abgezinster Sparbriefe profitieren also ebenfalls automatisch vom Zinseszinseffekt.

Barausschüttung oder Thesaurierung?

Beide Anlageformen haben ihre Vorteile und Nachteile. Entscheidend ist, welchen Zweck die Investoren mit der Geldanlage verfolgen.

Eine Thesaurierung oder Wiederanlage schöpft die vollen Renditemöglichkeiten einer bestimmten Geldanlage (eines bestimmten Fonds oder eines bestimmten ETFs) vollständig aus. Ohne Unterbrechung werden die erwirtschafteten Erträge sofort wieder angelegt, und können ihrerseits Erträge erwirtschaften.

Grüner Kurszettel mit der Aufschrift Exchange-traded funds

Thesaurierende oder ausschüttende Fonds

Thesaurierende Fonds oder ETFs eignen sich demnach für Anleger, deren Ziel ein kontinuierlicher Vermögensaufbau ist. Allerdings gibt es einen möglichen Nachteil. Bei der Geldanlage der Erträge ist der Investor festgelegt auf das Finanzprodukt, in das er ursprünglich investiert hat. Diese Festlegung kann die Möglichkeit der Diversifizierung einschränken.

Läuft beispielsweise ein bestimmter Fonds zeitweise nicht gut, kann der Anleger die daraus erwachsenen Erträge nicht woanders investieren, um das Risiko zu streuen. Ihm bleibt dann, möglicherweise zur Unzeit, nur der Verkauf.

Beim Thema Fondsrendite müssen einige Besonderheiten beachtet werden. In den Prospekten der Fondsgesellschaften werden nur Renditen auf tatsächlich investierte Beträge ausgewiesen.

Anleger zahlen aber mehr ein. Sie müssen noch Kosten für Ausgabeaufschläge, Verwaltungsgebühren, Erfolgsprovisionen, Depotgebühren und anderes aufbringen. Die tatsächliche, um diese Kosten bereinigte Rendite ist demnach sehr oft geringer als die in den Prospekten angegebene.

Anleger können die voraussichtliche bereinigte Rendite mithilfe des Fondsrechners der FMH Finanzberatung schätzen.

Wird ein Geldprodukt mit Barausschüttung gewählt, gibt es ein solches Problem nicht. Der Anleger ist frei in der Entscheidung, wie er die Erträge verwendet. Er kann sie zur Bestreitung des Lebensunterhalts nutzen, die Erträge in dasselbe Produkt investieren oder ein anderes Finanzprodukt wählen.

Ausschüttende Fonds, ETFs oder Sparbriefe eignen sich allerdings eher weniger zum Vermögensaufbau. Sie sind geeignet, wenn der Anleger aus dem Kapitalstock eine Art Rente zur Bestreitung des Lebensunterhalts erwirtschaften möchte, ohne das Kapital selbst anzugreifen.

Werden Erträge aus ausschüttenden Fonds erneut angelegt, kommt es immer zu einem Zeitverlust, und besonders gravierend, es entstehen durch die Wiederanlage zusätzliche die Rendite mindernde Kosten. Darüber hinaus können die Ausschüttungen so gering sein, dass sich der Aufwand einer Wiederanlage im Grunde nicht lohnt. Das ist der Fall, wenn Anleger über ein eher kleineres Vermögen verfügen.

Die Frage ausschüttende oder thesaurierend darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei einer soliden Geldanlage die Qualitätsfrage im Vordergrund stehen sollte. Vor allem bei Aktienfonds spielt die Dividende und die damit zu erwirtschafteten Zinseszinsen häufig gar nicht die für die Wertentwicklung entscheidende Rolle. Vielmehr geht es um ein kontinuierliches Anwachsen des Börsenwerts.

Empfehlenswert sind ETFs auf große, werthaltige Aktienfonds. Dabei ist es relativ gleichgültig ob der ETF physisch-replizierend oder ob die Abbildung eines bestimmten Fonds mithilfe von Swaps erfolgt (synthetischer ETF). ETFs sind kostengünstig und bieten bei wenig Risiko gute Ertragschancen.

Steuerfragen

Bei ausschüttenden Fonds entsteht das steuerpflichtige Einkommen am Auszahlungstag und die Abgeltungssteuer wird unter Berücksichtigung möglicher Freistellungsaufträge sofort einbehalten.

Thesaurierende Fonds verbuchen Erträge am Ende eines Geschäftsjahres. Diese Erträge werden als ausschüttungsgleiche Erträge bezeichnet. Besteht das Fondsvermögen aus deutschen Wertpapieren, geschieht die Begleichung der Steuerschuld aus dem Fondsvermögen.

Beinhaltet der thesaurierende Fonds ausländische Papiere, müssen die Erträge in der Anlage KAP selbst angegeben werden. Die Erträge unterliegen der Abgeltungssteuer. Aber auf ausländische Papiere kann auch eine sogenannte Quellensteuer anfallen. Diese Quellensteuer wird an den Staat abgeführt, in dem das Unternehmen seinen Sitz hat. Ausgezahlt wird lediglich die Nettodividende.

Die Quellensteuer kann unter Umständen auf die Abgeltungssteuer angerechnet werden und sollte deshalb ebenfalls in der Anlage KAP erklärt werden.

Als Steuerfalle kann sich der Verkauf von thesaurierenden Auslandsfonds entpuppen. In diesen Fällen fällt die Steuer nicht nur auf den Zuwachs im Börsenwert, sondern auch auf die thesaurierten Gewinne an. Das gilt selbst dann, wenn alle Erträge zuvor ordnungsgemäß versteuert wurden. Um eine Doppelbesteuerung zu vermeiden, muss dieser Vorgang in der Einkommensteuererklärung angegeben werden. Dabei ist die Steuerabführung auf die thesaurierten Gewinne zu belegen.

Bei synthetisch-thesaurierenden ETFs können keine ausschüttungsgleichen Erträge angegeben werden. Die Folge ist, dass Anleger von der Steuerbehörde erst zur Kasse gebeten werden, wenn sie sich von den Wertpapieren trennen. Das kann zu Steuervorteilen führen.

Ab 2018 ändert sich jedoch voraussichtlich das Steuerrecht für ETFs und andere Fonds grundlegend. Die Besteuerung soll dann auf der Grundlage einer bestimmten Kennziffer erfolgen. Zunächst wird der Wert des Fondsanteils zum Jahresbeginn festgestellt. Dieser Wert wird mit einem sogenannten Basiszinssatz multipliziert. Der Zinssatz wird jährlich vom Bundesfinanzministerium festgelegt.

Von der so ermittelten Kennziffer wird eine Kostenpauschale in Höhe von 30 % abgezogen. Ist die so ermittelte Kennziffer höher als die tatsächliche Wertsteigerung eines bestimmten Fonds, wird der tatsächliche Wert zur Besteuerung herangezogen.

Bei barausschüttenden Fonds wird der ausgeschüttete Ertragsanteil von der Pauschale abgezogen. Bei thesaurierenden Fonds ersetzt die Pauschale die bisher angesetzten ausschüttungsgleichen Erträge vollständig. Es wird jedoch nicht die gesamte Pauschale herangezogen. Vielmehr gibt es Freistellungen. Bei Aktienfonds soll die Teilfreistellung 30 % betragen. Quellensteuer wird nicht mehr erstattet.

Der bisher bestehende Vorteil bei synthetisch-thesaurierenden ETFs soll nach der Neuregelung entfallen. Anleger müssen demnach ab 2018 jährlich Abgeltungssteuer abführen.