Belegschaftsaktien: Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand

    Viele große börsennotierte Aktiengesellschaften geben Belegschaftsaktien an ihre Arbeitnehmer aus. Darunter sind so bekannte Unternehmen wie die Allianz, Siemens, Mercedes, Volkswagen, die Lufthansa oder Bilfinger. Ungefähr 200 deutsche Aktiengesellschaften geben ihren Mitarbeitern Gelegenheit, sich mit Aktien an dem Unternehmen, bei dem sie beschäftigt sind, zu beteiligen.

    In der Regel geschieht die Vergabe von Belegschaftsaktien nach bestimmten Kriterien, die in einem Programm zusammengefasst sind. Bei der Festlegung solcher Kriterien hat der Betriebsrat kein unmittelbares Mitspracherecht. Er kann aber darauf achten, dass bei den Vergaberichtlinien der Gleichbehandlungsgrundsatz eingehalten wird. Zudem kann er die Mitarbeiter über die Vorteile und Nachteile von Belegschaftsaktienprogrammen informieren.

    Nicht nur wegen mangelnder Mitspracherechte sind viele Arbeitnehmervertreter skeptisch gegenüber Belegschaftsaktien. In dieser Form der Vermögensbildung sind Interessenkonflikte nicht ausgeschlossen. Denn die Inhaber von Belegschaftsaktien sind gleichzeitig Mitunternehmer und abhängig Beschäftigte des gleichen Unternehmens.

    Als Mitunternehmer besteht beispielsweise ein Interesse an hohen Dividenden und an einer an Ertrag und Expansion ausgerichteten Unternehmensorganisation. Als Arbeitnehmer haben Belegschaftsaktionäre jedoch Interessen, die mit denen eines Unternehmers kollidieren können: Arbeitsplatzsicherung, Lohnansprüche und andere soziale Belange zum Beispiel.

    Definition

    Belegschaftsaktien sind keine besondere Aktienart oder Aktiengattung. Ihre Besonderheit liegt aber darin, dass sie von Aktiengesellschaften ausschließlich an Mitarbeiter des Unternehmens ausgegeben werden.

    Die Ausgabe erfolgt in der Regel, nachdem ein bestimmtes Programm aufgelegt worden ist. Unterschieden werden regelmäßig Aktienprogramme für Arbeitnehmer von solchen für leitende Angestellte. Erstere nennt man Employee Stock Ownership Programs, während letztere als Executive Stock Ownership Programs bezeichnet werden.

    Belegschaftsaktien müssen nicht, werden aber regelmäßig zu besonders vorteilhaften Konditionen ausgegeben. In Betracht kommen:

    1. Die Ausgabe von Gratisaktien (in Deutschland unüblich).
    2. Die Ausgabe zu einem Vorzugskurs deutlich unter dem aktuellen Börsenkurs.
    3. Die Übernahme von mit dem Erwerb verbundenen Nebenkosten durch die Aktiengesellschaft.
    4. Der Erwerb mit Mitteln aus zur Verfügung gestellten Nebenleistungen (Aktie zum Vorzugskurs anstelle von Weihnachtsgeld).
    5. Die Begleichung des Anschaffungspreises durch Ratenzahlungen.
    6. Möglich ist zudem eine Verrechnung mit vermögenswirksamen Leistungen.

    Emission von Belegschaftsaktien

    Die Finanzierung von Belegschaftsaktien kann auf 3 unterschiedlichen Wegen erfolgen. Ein Weg ist die sogenannte bedingte Kapitalerhöhung nach Paragraf 192 Aktiengesetz.

    Ein weiterer Weg ist der geregelte Erwerb eigener Aktien, wie er in Paragraf 71 des Aktiengesetzes geregelt ist. Die letzte Möglichkeit besteht in der Bereitstellung von Gesellschaftsanteilen durch genehmigtes Kapital.

    Oft wird der Weg über Paragraf 192 des Aktiengesetzes gewählt, weil der geregelte Erwerb nach Paragraf 71 des Aktiengesetzes auf 10 % des Grundkapitals beschränkt ist.

    Die rechtliche und wirtschaftliche Stellung des Belegschaftsaktionärs

    Belegschaftsaktionäre haben zunächst dieselben Rechte, die jedem anderen Aktionär auch zustehen. Dazu gehören vor allem Stimmrechte, sofern sie in der Aktie verbrieft sind, und das Recht auf Gewinnbeteiligung. Gewinngarantien werden hingegen nicht gegeben. Wie jeder andere Aktionär tragen auch Belegschaftsaktionäre Kurs- und Ertragsrisiken.

    Allerdings gibt es Verfügungsbeschränkungen, die besonders bei einem geplanten Verkauf eine Rolle spielen. Regelmäßig unterliegen Belegschaftsaktien Sperrfristen von meist 5 Jahren. Während die Sperrfrist gilt, ist es nicht erlaubt, die Belegschaftsaktien zu veräußern. Eine Ausnahme gilt grundsätzlich bei Arbeitsunfähigkeit oder bei Tod des Belegschaftsaktionärs.

    Mit der Sperrfrist sollen aus Sicht der Aktiengesellschaft Spekulationen verhindert werden. Depotbanken sind eigentlich an die vereinbarte Sperrfrist gebunden. Dennoch kann es vorkommen, dass die Depotbank die Vereinbarung nicht beachtet. Deswegen geben einige Aktiengesellschaften Belegschaftsaktien als vinkulierte Namensaktien aus.

    Besitzer von Belegschaftsaktien in Deutschland

    Die Grafik zeigt, dass im Schnitt etwa 1.000.000 deutsche Arbeitnehmer Inhaber von Belegschaftsaktien sind. Die Zahl ist in den letzten Jahren etwas rückläufig.

    In einigen Fällen verfügt die Belegschaft insgesamt über nennenswerte Aktienpakete. So halten bei Siemens aktuelle und frühere Beschäftigte insgesamt 5 % des Kapitals.

    Tritt jedes Mitglied auf den Jahreshauptversammlungen einzeln auf, ist der Einfluss natürlich gering. Schließen sich jedoch Belegschaftsaktionäre etwa in einem Verein zusammen, können sie die Unternehmenspolitik durchaus mitbestimmen.

    Vorteile und Nachteile

    Für die Aktiengesellschaften bestehen die Vorteile von Belegschaftsaktien vor allem in der Mitarbeiterbindung, der Mitarbeitermotivation und in der breiten Streuung des vorhandenen Kapitals.

    Nachteile hingegen muss man lange suchen. Häufig wird die Verschlechterung des Betriebsklimas bei Dividendeneinbußen und Wertverlusten der Aktie an der Börse ins Feld geführt. Dies ist aber wohl mehr eine theoretische Annahme. Eher dürften schwierige Zeiten des Unternehmens Belegschaftsaktionäre motivieren, sich noch stärker für das Unternehmen einzusetzen.

    Positiv für die Mitarbeiter ist die mit Belegschaftsaktien verbundene Vermögensbildung. Die Mitarbeiter profitieren vom vergünstigten Aktienerwerb und der Aussicht auf im Verhältnis zu anderen Anlageformen gute Renditen.

    Gleichzeitig ist die Geldanlage in Belegschaftsaktien aber auch besonders riskant. Mitarbeiter sind auf Gedeih und Verderb an den Unternehmenserfolg ihres Arbeitgebers gebunden.

    Die Aktie des Unternehmens, bei dem sie beschäftigt sind, muss nicht unbedingt eine Qualitätsaktie mit guten Renditen sein. In vielen Fällen werden mit alternativen Aktienanlagen bessere Renditen zu erzielen sein, und über Instrumente wie Indexfonds ist eine breitere Streuung zur Risikominimierung möglich.

    Der Erwerb von Belegschaftsaktien kann also, abgesehen von der Gratisausgabe, trotz Vorzugskonditionen ein Minusgeschäft sein. Darüber hinaus ist der Mitarbeiter an die vereinbarte Sperrfrist gebunden. Während dieser Frist kann er das in Belegschaftsaktien investierte Geld nicht umschichten.

    Steuerfragen

    Erlangen Mitarbeiter einen geldwerten Vorteil durch die Einräumung von Vorzugskonditionen, muss dieser wie bei der Nutzung eines Firmenwagens versteuert werden. Steuerrechtlich handelt es sich um Arbeitsentgelt.

    Geldwerter Vorteil ist der Differenzbetrag zwischen dem Börsenkurs und dem Vorteilspreis. Beispiel: Nach dem Belegschaftsaktienprogramm können Mitarbeiter jährlich 10 Aktien jeweils 20 € unter dem aktuellen Börsenkurs erwerben. Der geldwerte Vorteil beträgt dann 200 €.

    Wichtig ist der Zeitpunkt, zu dem der geldwerte Vorteil dem Mitarbeiter zufließt. Der geldwerte Vorteil entsteht in dem Augenblick, in dem der Mitarbeiter Inhaber der Aktie wird, also die wirtschaftliche Verfügungsmacht über die zum Vorzugspreis erworbenen Papiere ausüben kann. Dazu müssen die Aktien auf den Namen des Mitarbeiters im Depot einer Bank hinterlegt sein. Sperrfristen und Haltefristen spielen für die Verfügungsberechtigung keine Rolle.

    Nach Paragraf 3 Nummer 39 Einkommensteuergesetz gibt es jedoch einen echten Freibetrag, nicht nur eine Freigrenze, bis zu einer Höhe von 360 €. Diese Regelung gilt ab Januar 2016 auch für vor dem 1. 4. 2009 ausgegebene Belegschaftsaktien.

    Voraussetzung ist allerdings, dass die Belegschaftsaktien wenigstens allen Arbeitnehmern offen stehen, die im Zeitpunkt der Bekanntgabe des Angebots ein Jahr oder länger ununterbrochen in einem gegenwärtigen Arbeitsverhältnis zum Unternehmen stehen. Zudem muss der geldwerte Vorteil durch eine freiwillige Zuzahlung zusätzlich zum regulär geschuldeten Arbeitslohn entstanden sein.