Börsenweisheiten und Börsenregeln: Wer gelassen bleibt, der gewinnt

    „Die Aktienbörsen werden im Wesentlichen von Psychopathen bevölkert.“ Diese Einschätzung des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt scheint sich auf den ersten Blick immer wieder erneut zu bestätigen. Angst, Gier, Herdentrieb, nicht aber Vernunft und schon gar nicht Weisheit, bestimmen das Börsengeschehen und können zu übertriebenen kaum nachvollziehbaren Kursschwankungen führen.

    Wie soll man da als Privatanleger die Nerven behalten? Ist es nicht verständlich, dass die meisten Anleger in Deutschland den Aktienmarkt meiden?

    Einige Börsenweisheiten und Regeln helfen Anlegern, aller Börsenhektik zum Trotz gelassen zu bleiben und die Nerven zu behalten.

    In diesem Artikel beschreiben wir ein paar gängige Börsenweisheiten.

    Mit der Befolgung mancher Börsenregeln können sich Anleger unter den Psychopathen an der Börse richtig wohlfühlen. Andere Börsenregeln hingegen erweisen sich bei genauerem Hinsehen als Flop.

    Antizyklisch investieren

    „Der kluge Investor ist ein Realist, der an Optimisten verkauft und von Pessimisten kauft“. Antizyklisches Investieren ist ein von Benjamin Graham, dem Begründer der Value Strategie, verfolgtes Prinzip.

    Warren Buffett, ein Schüler Grahams, ist mit dieser Strategie zu einem der reichsten Anleger der Welt geworden.

    Im Kern geht es darum, dem Herdentrieb an der Börse zu widerstehen.

    Viele Anleger verhalten sich prozyklisch und verstärken dadurch kurzfristige Kursausschläge.

    Sie kaufen Aktien teuer ein, nachdem sie festgestellt haben, dass die Aktienkurse eine Zeit lang mehr oder weniger kräftig gestiegen sind. Kommt die Gegenbewegung, geraten sie in Panik und verkaufen billig zu niedrigen Kursen.

    Prozyklisches Verhalten dieser Art ist eine recht sichere Strategie, Kapital zu verbrennen und Verluste einzufahren.

    Wer hingegen den Mut hat zu kaufen, wenn die Mehrzahl der Marktteilnehmer panisch verkauft, der kann sich auf überdurchschnittliche Renditen freuen.

    Anleger, die im Jahr 2009 während der Finanzkrise DAX-ETFs bei einem Stand von etwa 4.000 Punkten gekauft haben, konnten ihr Portfolio innerhalb von neun Jahren verdreifachen. Gegenwärtig liegt der DAX etwa bei 12.000 Punkten.

    Aktien selten traden und gewinnen

    Immer auf der Jagd nach Aktienanlagen mit der besten Performance. Allzu viele Anleger verfahren nach diesem Prinzip.

    Beispielsweise wird versucht, einen bestimmten Index zu schlagen, indem man laufend unterschiedliche Aktien kauft oder verkauft.

    Oder Anleger schichten ihr Geld von einem Indexfonds in einen anderen um, weil man dort eine bessere Performance erwartet.

    Häufiges Umschichten ist weit verbreitet und ein echter Renditekiller. Das zeigen Erhebungen immer wieder aufs Neue.

    Während die jährliche Rendite des S&P 500 einschließlich der Dividenden über lange Zeiträume im hohen einstelligen Prozentbereich liegt, erwirtschaftet der durchschnittliche Anleger nur ca. 4 % jährlich.

    Verantwortlich dafür sind weniger die mit dem Aktienhandel verbundenen Kosten und Gebühren. Entscheidender ist, dass Umschichtungen meistens zum falschen Zeitpunkt erfolgen, sodass Phasen positiver Kursentwicklungen eines bestimmten Indexes oder einer bestimmten Aktie verpasst werden.

    Das Erfolgsrezept: Buy and hold

    Wirtschaftliche und politische Entwicklungen können zu gravierenden Marktschwankungen an den Börsen führen.

    Finanzpolitische Entscheidungen von Regierungen und Notenbanken können steigende oder fallende Aktienkurse hervorrufen. Spekulanten können Spekulationsblasen oder Kurseinbrüche verursachen.

    Die unterschiedlichen Marktphasen können je nach Ursache kurzer Natur sein, vielleicht nur wenige Tage oder Wochen anhalten oder viele Jahre andauern.

    Über lange Zeitabschnitte aber entwickeln sich Aktienmärkte nur in eine Richtung – nach oben. Jeder Anleger kann die Richtigkeit dieser These anhand von Langfrist-Charts nachvollziehen, wie sie beispielsweise Macrotrends für den Dow Jones zur Verfügung stellt.

    Wirtschaftswachstum, sowie steigende Gewinne und deren Reinvestition beispielsweise erhöhen den inneren Wert von Unternehmen und damit den Preis Ihrer Aktien.

    Mit der buy and hold Strategie können Anleger vom tendenziellen Wertzuwachs der Aktienmärkte über lange Zeiträume profitieren.

    Aber eine 100 %ige Erfolgsgarantie gibt es auch mit dieser Strategie nicht.

    Wer beispielsweise kurz vor dem Börsencrash im Juli 1929 in den Dow Jones investierte, musste bis Anfang 1962 warten, um die durch die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg verursachten Kursverluste, Dividenden ausgeschlossen, wieder auszugleichen.

    Natürlich ist unser Beispiel konstruiert und wird in der Praxis so gut wie niemals vorkommen. Aber auch langfristige Aktienanlagen haben ein Restrisiko.

    Die buy and hold Strategie allein schließt das Anlagerisiko also nicht vollständig aus. Anleger können das Verlustrisiko aber durch zusätzliche Maßnahmen weiter reduzieren.

    1. Antizyklisches investieren minimiert Risiken. Anleger, die kurz vor dem Börsencrash zu Höchstkursen kauften, begingen einen grundlegenden Fehler.
    2. Diversifikation ist eine entscheidende Voraussetzung für einen erfolgreichen Vermögensaufbau. Investiert wird in unterschiedliche Risikoklassen (Aktien, Anleihen, Festgeld, Tagesgeld und anderes).
    3. Der Aktienanteil im Portfolio sollte nach Branchen und nach Regionen diversifiziert werden.

    Für den Vermögensaufbau kommen nur solide Qualitätspapiere infrage. Dazu gehören Valueaktien ebenso wie Staatsanleihen aus Ländern mit gutem Rating.

    Wissen aneignen und Markt beobachten

    Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten und gehen Sie schlafen. Diese Börsenweisheit stammt von Kostolany.

    Der berühmte Investor und Spekulant, der selber ein paar Mal alles verlor und dann wieder alles gewann, hat diesen Rat natürlich nicht ganz ernst gemeint.

    Kostolany wollte damit zum Ausdruck bringen, dass sich Anleger durch Kursausschläge an der Börse nicht aus der Ruhe bringen lassen dürfen.

    In der Tat wäre es auch fatal, Aktien zu kaufen und sich dann überhaupt nicht mehr um die Aktienanlage zu kümmern.

    Das Gegenteil ist richtig. Anleger dürfen keine Kapitalanlage, gleichgültig ob Aktien, Anleihen oder festverzinsliche Anlagen wie Festgeld aus den Augen lassen.

    Sie müssen das Marktumfeld genauso sorgfältig beobachten wie die Geldanlage selbst.

    Viele Informationen kann man der Tagespresse und der Fachpresse entnehmen.

    Wie wird die wirtschaftliche Entwicklung eingeschätzt? Ist das Wirtschaftswachstum stabil oder muss mit einem Rückgang des Wachstums gerechnet werden? Wie reagieren die wichtigsten Notenbanken der Welt?

    Wie stehen die Aktienmärkte? Gibt es Anzeichen für eine Überbewertung?

    Wer sich entschließt, in Einzelwerte zur investieren, muss sich über den Charakter einer solchen Investition im Klaren sein.

    Gesprochen wird von in Aktien investieren oder Aktien kaufen. Aktien sind aber nichts Abstraktes. Anleger kaufen nicht einfach ein Papier, welches im Wert steigt oder fällt, je nach Nachfrage an der Börse.

    Anleger kaufen einen Anteil an einem Unternehmen. Auf lange Sicht hängt der Erfolg einer Aktienanlage davon ab, wie sich der Wert des Unternehmens entwickelt und welchen Erfolg das Unternehmen am Markt hat.

    Kurzfristig mag der Kurs einer Aktie von Spekulation oder von allgemeinen Markttrends abhängig sein. Langfristig entspricht die Wertentwicklung einer Aktie derjenigen des Unternehmens.

    Wird in Einzelwerte investiert, müssen der innere Wert eines Unternehmens ebenso analysiert werden, wie die Marktchancen. Nur so kann die Spreu vom Weizen getrennt werden und Anleger finden Valueaktien.

    Um Valueaktien ausfindig zu machen, sind umfangreiche Untersuchungen erforderlich. Dabei geht es um Kennzahlen und die Auswertung von Jahresabschlüssen.

    1. Wie ist das Unternehmen gegenüber der Konkurrenz am Markt positioniert? Agiert das Unternehmen in einem Wachstumsmarkt oder in einem schrumpfenden Markt?
    2. Konnte das Unternehmen über längere Zeiträume kontinuierlich überdurchschnittliche Gewinne erwirtschaften?
    3. Wie steht es mit der Entwicklung zukünftiger Produkte? Wie muss man die Qualität des Managements einschätzen?

    Dies sind einige Punkte, die bei einer Investition in Einzelwerte berücksichtigt werden müssen.

    Schließlich funktioniert die Investition in Valueaktien nur wirklich gut, wenn man dafür weniger Geld bezahlt, als die Aktien wert sind. Erfolg hat, wer in unterbewertete Aktien (antizyklisch) investiert.

    Nicht umsonst spricht Warren Buffett davon, dass die Value-Strategie simpel, aber nicht einfach ist.

    Erfüllt eine Aktie nicht mehr die Value-Kriterien, muss sie verkauft werden.

    Manchmal unterliegen Anleger der Versuchung, eine „gefallene“ Valueaktie zu kaufen, die im Kurs kräftig nachgegeben hat. Gehofft wird, dass das früher erfolgreiche Unternehmen irgendwann wieder Tritt fasst und der Kurs sich dann erholt.

    In der Regel bleibt es bei der Hoffnung. Gefallene Engel erholen sich selten und wenn dann nur sehr zögerlich. Die alten Höchstkurse werden kaum je erreicht. Nicht umsonst gilt der Grundsatz: „greife niemals in ein fallendes Messer“.

    Stock Picking oder in den Markt investieren?

    Qualitätsaktien zu finden, ist also eine komplizierte Sache, die ein erhebliches Maß an Fachwissen erfordert. Außerdem benötigt der Privatanleger etwas, was in der Regel nur eingeschränkt zur Verfügung steht: viel Zeit.

    Professionelle Investoren kommunizieren mit den Vorständen der Unternehmen. Sie halten Konferenzen ab, um die Qualität des Managements und deren Geschäftspolitik beurteilen zu können.

    Privatanleger sind dazu einfach nicht in der Lage.

    Unter anderem aus diesem Grund rät Warren Buffett ab, in Einzelwerte zu investieren. Besser ist eine Investition in den Markt.

    Dies geschieht mithilfe von Fonds. Damit die Kosten nicht einen Teil der Rendite verschlingen, werden passiv gemanagte Indexfonds empfohlen. Werden solche Fonds an der Börse gehandelt, heißen sie ETFs.

    Nicht jeder ETF eignet sich jedoch für Privatanleger. Die Herausgeber dieser Papiere sind unterdessen sehr fantasievoll. Anleger können ETFs beispielsweise auf eigens dafür konstruierte Indices, Rohstoffe und anderes erwerben.

    Ein ETF ist aber immer nur so gut, wie der Index, auf den er sich bezieht. Der Index sollte breit diversifiziert nach Sektoren und Regionen sein, die Aktien vieler marktführender Unternehmen enthalten und zu den Leitindizes gehören.

    Die Zusammensetzung der Leitindizes wird regelmäßig angepasst. Erfüllen Unternehmen nicht mehr die Kriterien, fliegen sie aus dem Index und werden durch andere Unternehmen ersetzt.

    Durch dieses Verfahren ist weitgehend gewährleistet, dass Anleger nicht mittelbar über einen ETF in wertlose Unternehmen investieren.

    Ein Beispiel ist der MSCI World, der die Aktien der wichtigsten Unternehmen aus den entwickelten Industrieländern enthält.

    Etwa 60 % der Aktien stammen aus den USA. Deshalb ist der S&P 500 unseres Erachtens eine Alternative.

    Sell in May and go away

    Investoren, die glauben, man könne den Kursverlauf einer Aktie vom Wert des Unternehmens abstrahieren, haben eine Reihe von Börsenstrategien entwickelt, mit denen Erträge angeblich optimiert werden können.

    Solche Strategieansätze haben mehr oder weniger spekulativen Charakter und führen bei genauerem Hinsehen selten zum Erfolg.

    Die vielleicht bekannteste dieser Börsenstrategien ist „Sell in May and go away“.

    Natürlich müssen Anleger, die Ende April oder Anfang Mai verkaufen, irgendwann wieder in den Aktienmarkt einsteigen.

    Deshalb heißt es weiter: „But remember to come back in September or June or October“. Wann Anleger nun die Aktien, die sie zuvor verkauft haben, zurückkaufen sollen, darüber herrscht Uneinigkeit.

    Und nicht nur das. Uneinigkeit besteht sogar darüber, zu welchem Zeitpunkt tatsächlich verkauft werden soll. Manche meinen schon im April, andere halten den 2. Mai für richtig (am 1. Mai ist die Börse geschlossen), wieder andere favorisieren Ende Mai als Verkaufszeitpunkt.

    Auf den ersten Blick scheint einiges für „Sell in May“ zu sprechen.

    Die Sommermonate sind an der Börse relativ ruhig. Und tatsächlich kommt es zu Kursrückgängen, denen Anleger entgehen können, wenn sie während des Sommers nicht investiert sind.

    Nur gibt es ein Problem: Die Kursrückgänge sind nicht durchgängig.

    Über längere Zeiträume betrachtet steht es nach statistischen Untersuchungen etwa 50 zu 50. Erwischen Anleger den falschen Zeitraum, machen sie zusätzliche Verluste statt zusätzliche Gewinne.

    Es ist eben nicht möglich, den optimalen Einstiegszeitpunkt oder Ausstiegszeitpunkt eine Aktienanlage zu bestimmen.

    Abgesehen davon, widerspricht die Börsenstrategie „Sell in May“ der Funktionsweise einer Börse. Würde die Strategie etwas taugen, folgten alle Anleger demselben Muster.

    Alle Anleger würden ihre Aktien Ende April/Anfang Mai verkaufen. Die Folge wäre ein Kurseinbruch, der möglichen Gewinnaussichten den Garaus machen würde.

    Andere Börsenstrategien versuchen, aus der historischen Kursentwicklung der Aktien in einem bestimmten Index Kapital zu schlagen.

    Beispielsweise werden von 30 Aktien eines Indexes diejenigen zehn Aktien gekauft, die sich in den letzten zwölf Monaten am besten entwickelt haben.

    Oder umgekehrt. Es werden diejenigen Aktien gekauft, die sich in den letzten zwölf Monaten am schlechtesten entwickelt haben.

    Häufig wird die Richtigkeit der favorisierten Börsenstrategie durch einzelne Beispiele belegt. Wer Anfang 2000 die zehn Aktien im DAX gekauft hat, die sich 1999 am besten geschlagen haben, der konnte die Performance des Indexes schlagen usw.

    Diese Beispiele sind natürlich nichts wert. Sie beziehen sich auf eine herausgesuchte Zeitspanne aus der Vergangenheit.

    Die Vergangenheit ist aber vergangen und kommt nicht wieder. Zukünftig können sich die Kurse völlig anders entwickeln.

    Die zehn besten Aktien aus dem Vorjahr können auch die zehn besten Aktien im laufenden Jahr sein, sofern der Anleger Glück hat.

    Sie können sich auch genauso entwickeln wie der Gesamtindex, oder sie können sich schlechter entwickeln.

    Kein Mensch, auch kein professioneller Anleger, kann zukünftige Kursentwicklungen voraussagen.

    Deswegen erteilt Warren Buffett solchen Börsenstrategien eine klare Absage:

    „Ich denke niemals darüber nach, was die Börse machen wird. Keiner weiß, wie man die Börse oder die Zinsen oder die Konjunktur vorhersagen kann. Ich habe keine Ahnung, ob die Börse in zwei Jahren höher oder tiefer stehen wird.“

    Warren Buffett weiß aber, dass seine Valueaktien, für die er weniger bezahlt hat, als sie wert waren, sicherlich eine stabile und erfolgversprechende Geldanlage sein werden.