Derivate: Eldorado für Spekulanten?

    Derivate sind komplizierte Finanzprodukte. Ihre Bedeutung hat in den letzten Jahren sprunghaft zugenommen. Parallel zu dieser Entwicklung bringen findige Investmentfachleute der Banken in schneller Folge immer neue Varianten auf den Markt.

    Hinter dem Oberbegriff Derivate verbergen sich Finanzinstrumente der unterschiedlichsten Art und Zweckbestimmung. Einige werden von Unternehmen zur Risikominimierung von Währungsschwankungen bei Exportgeschäften eingesetzt. Andere dienen Anlegern und professionellen Vermögensberatern zur Absicherung eines Depots gegen Kursschwankungen.

    Sogar Zentralbanken bedienen sich besonderer Derivate, so etwa um der letzten Finanzkrise Herr zu werden.

    Private Anleger werden vornehmlich an Futures, Zertifikate und Optionsscheine denken. Diese Produkte werden von den ausgebenden Banken als besonders ertragsstark gepriesen, allerdings sind sie in vielen Fällen besonders risikoreich.

    Was sind Derivate?

    Eine Definition geht am besten von den Basiseigenschaften aller Derivate aus. Ursprung des Begriffs ist das lateinische Verb derivare = ableiten. Derivate sind von etwas anderem abgeleitete Anlageprodukte.

    Jedes Derivat hat also einen bestimmten unterlegten Basiswert, der auch Underlying genannt wird. Theoretisch kann alles Mögliche als Basis für ein Derivat dienen, das Wetter, das Pferderennen einer Saison und anderes.

    Finanzderivate haben jedoch Basiswerte, die einem Marktwert abhängig von Angebot und Nachfrage unterliegen: Wertpapiere aller Art (Aktien, Anleihen, Rentenpapiere), Indices, Devisen, finanzielle Kennzahlen wie Zinsentwicklungen oder Bonitätseinstufungen, Edelmetalle, Rohstoffe, Öl, Gas, Elektrizität, Holz und Agrarprodukte aller Art wie Fleisch, Kaffee, Kakao, Raps, Soja, Mais, Weizen und andere Getreidearten.

    Auch mehrere Produkte, so genannte Produktkörbe, können als Underlying ebenso dienen wie Derivate selbst. Im letzten Fall spricht man von Derivaten zweiten Grades.

    Derivate sind auf die eine oder andere Art immer Termingeschäfte. Diese Eigenschaft macht den Wettcharakter von Finanzderivaten aus. Die ausgebende Bank schließt mit den Erwerbern eines Finanzderivats eine vorher genau definierte Wette ab, welchen Marktpreis der Basiswert bei Terminablauf haben wird.

    Finanzderivate bilden tendenziell die Wertentwicklung des Underlyings ab. Fällt beispielsweise der Kurs einer Aktie, teilt ein Call-Optionsschein das gleiche Schicksal. Allerdings können die Preisschwankungen deutlich heftiger ausfallen als beim Basiswert.

    Der Grund dafür ist die Hebelwirkung. Kleine Änderungen beim Preis des Basiswerts führen zu signifikanten Ausschlägen beim Preis des Derivats, weil mit wenig Geld eine relativ große Position von Marktchancen des Basiswerts eingekauft werden kann. Hier ein Beispiel für einen Optionsschein auf eine bestimmte Aktie:

    Hebel = aktueller Aktienkurs des Basiswerts : aktueller Kurs des Optionsscheins x Ratio

    Ratio ist das umgekehrte Bezugsverhältnis von Derivat zu Basiswert. Bei einem Aktienoptionsschein zum Beispiel beträgt die Ratio 0,2 und das Bezugsverhältnis 1 : 5. In diesem Fall beinhaltet einen Optionsschein den 0,2ten Anteil der Differenz von Aktienkurs und verbrieft den Basiskurs des Optionsscheins. Man benötigt also fünf Optionsscheine um eine Aktie zum im Optionsschein verbrieften Kurs zu erwerben:

    Beispiel: 500 (aktueller Aktienkurs) : 25 (aktueller Optionskurs) x 0,2 (Ratio) = 4. Eine Preisänderung der unterlegten Aktie um ein Prozent hat hier beim Derivat eine Verlängerung um 4 % zur Folge.

    Charakteristisch für ein Derivat ist, dass das Marktrisiko unabhängig vom Basiswert zu relativ günstigen Preisen gehandelt werden kann. Inhaber eines Derivat sind Inhaber der Marktchancen aber auch der Risiken eines bestimmten Basiswerts, ohne Eigentümer des Underlyings werden zu müssen.

    Arten

    Die Ausgestaltung eines Derivats und seine Eigenschaften werden jeweils in einem Vertrag geregelt, den der Ausgeber, meistens eine Bank, anbietet. Gegenstand einer solchen Vereinbarung sind beispielsweise Laufzeiten, Basispreise, Ausgabe- und Rückgabepreise oder die Rechtsfolgen im Fälligkeitszeitpunkt.

    Grob werden vier mögliche Gestaltungsformen bei Finanzderivaten unterschieden:

    Optionsgeschäft: Der Erwerber erhält das Recht, den Basiswert zum Fälligkeitszeitpunkt (europäische Version) oder während eines festgelegten Zeitraums (amerikanische Version) vor Fälligkeit zu einem vertraglich fest vereinbarten Preis zu erwerben (Call Option) oder zu veräußern (Put Option). Eine Verpflichtung des Käufers besteht jedoch nicht. Als Vergütung für die Einräumung des Rechts erhält der Ausgeber eine so genannte Optionsprämie.

    Festgeschäft: Der Verkäufer muss den Basiswert im Fälligkeitszeitpunkt entweder liefern oder einen Betrag in Höhe des gültigen aktuellen Marktpreises zahlen. Im Gegenzug leistet der Käufer einen fest vereinbarten Preis. Der Käufer gewinnt die Wette, wenn der Basispreis zum Fälligkeitszeitpunkt höher ist als der vereinbarte Fixpreis. Der Verkäufer gewinnt im umgekehrten Fall.

    Swaps: Dieses Derivat ist ein Instrument zum Austausch künftiger Zahlungsströme. Im Unterschied zu anderen Termingeschäften werden über einen gewissen Zeitraum hinweg nicht nur ein, sondern mehrere Austauschtermine fest vereinbart. Swaps gibt es praktisch auf alle möglichen Underlyings. Besonders gebräuchlich sind sie auf Zinsen oder Währungen.

    Mit einem Zinsswap wird zum Beispiel vereinbart, dass innerhalb einer Laufzeit von fünf Jahren Zinszahlungen auf den zuvor vertraglich vereinbarten Nennbetrag ausgetauscht werden. Eine Partei zahlt einen fixen, vertraglich vereinbarten Zinssatz, die andere Partei hingegen einen variablen Zinssatz der sich an einem Referenzzinssatz (Libor beispielsweise) orientiert.

    Auf Zinsswaps können Optionen als Derivate zweiten Grades ausgegeben werden, die man Swaptions nennt.

    Populäre Derivate

    Im Folgenden werden einige wichtige Derivate kurz beschrieben. Die Aufzählung erhebt bei weitem keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

    Zertifikate

    Es handelt sich um von Banken ausgegebene Schuldverschreibungen. Zertifikate gibt es auf jedes Wertpapier und auf jeden Index in unzähligen Kombinationen. Dadurch ermöglichen sie Privatanlegern, sich theoretisch an allen Börsensegmenten zu beteiligen.

    Ebenso gibt es eine kaum zu überblickende Anzahl verschiedener Zertifikat-Konstruktionen. Zertifikate müssen keine Termingeschäfte sein oder mit einem Hebel ausgestattet sein (anders: Hebelzertifikate).

    Bonuszertifikate haben eine feste Laufzeit und sind mit zwei Barrieren ausgestattet: Sicherheitslevel und Bonuslevel. Berührt der durch den Basiswert vorgegebene Kurs während der Laufzeit die Sicherheitsbarriere oder liegt der Kurs über dem Bonuslevel wird der Kurswert des Underlyings erstattet.

    Liegt der Kurs während der Laufzeit immer über dem Sicherheitslevel aber zur Fälligkeit unter dem Bonuslevel, wird der Wert des Bonuslevels ausgezahlt. Entscheidend ist der Sicherheitslevel. Wird er irgendwann berührt oder unterboten, geht der Bonus verloren.

    Discountzertifikate sollen eine Geldanlage in risikoreiche Papiere wie in einer Aktie wirtschaftlich ermöglichen, aber das Risiko begrenzen. Das geschieht durch die Vereinbarung eines Höchstkurses beim Basiswert (Cap). Die Risikominimierung wird also durch eine Reduzierung der Gewinnchancen erkauft.

    Gleiches gilt für Garantiezertifikate, die in jedem Fall den Kapitalerhalt garantieren.

    Futures

    Futures sind mit einem Hebel ausgestattete und börsengehandelte unbedingte Termingeschäfte. Unbedingt ist ein Derivat, wenn die beteiligten Parteien die Pflicht zur Erfüllung der vertraglichen Leistung zum fixen Termin haben und nicht nur das Recht.

    Bei bedingten Derivaten hingegen, wie zum Beispiel bei Optionen, kann der Optionskäufer ein Wahlrecht ausüben.

    Im Future-Kontrakt wird festgelegt: Art, Menge, Qualität des Gegenstandes, Kaufpreis, fixer Erfüllungszeitpunkt und Form der Erfüllung (Lieferung des Gegenstandes gegen Zahlung oder Barausgleich).

    Optionsscheine

    Optionsscheine verbriefen Rechte an einem Wertpapier. Sie werden von Banken emittiert, die auch die Vertragsbedingungen vorgeben.

    Beispielsweise hat der Inhaber eines Optionsscheins das Recht, einen bestimmten Basiswert (einer Aktie) zu einem bestimmten Bezugspreis unter Berücksichtigung des vereinbarten Bezugsverhältnisses an einem fixen Termin oder innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens zu kaufen oder zu verkaufen.

    Man unterscheidet Calls (Wette auf steigende Kurse) von Puts (Wette auf fallende Kurse). Geht die Wette nicht auf, drohen Totalverluste, aber es gibt keine Nachschusspflicht.

    Da Optionsscheine von Banken emittiert werden, beinhalten die Anschaffungspreise Prämien und Platzierungskosten. Anders bei Optionen: Sie werden direkt an darauf spezialisierten Börsen gehandelt. Ihr Preis wird allein durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Optionen sind deshalb die besseren Derivate.

    Optionen wie Optionsscheine haben immer einen fixen Endtermin und sind mit einem Hebel ausgestattet.

    Cap, Floor, Collars

    Diese Konstruktionen sind Unterformen von Swaps (Definition siehe unter Punkt 2: Arten). Es gibt nicht nur Zinsswaps, sondern Sie können auch auf Devisen, Währungen, Anleihen, Aktien und Indices vereinbart werden.

    Beim Zins-Cap beispielsweise hat der Käufer gegenüber dem Verkäufer einen Zahlungsanspruch, wenn der Zins am Ende einer vereinbarten Periode den vertraglich festgesetzten Satz übersteigt. Beispiel: Nach dem Vertrag werden jeden Monat Zahlungen geleistet, in dem der Libor über 2 % liegt.

    Beim Zins-Floor werden Zahlungen vereinbart für den Fall, dass der vereinbarte Zinssatz in einem vorgegebenen Zeitraum nicht erreicht wird.

    Collar (Kragen) bezeichnet den strategischen Einsatz von Caps und Floors, um sich gegen Kursverluste eines Basiswerts abzusichern. Diese derivaten Finanzinstrumente können in der Regel auf Aktien oder Zinsindices abgeschlossen werden.

    Bei Aktien werden Puts gekauft und durch den gleichzeitigen Verkauf von Calls finanziert. Ein Zinscollar entsteht durch den Kauf von Caps, der durch den Verkauf von Floors finanziert wird.

    CFD

    CFD ist eine Abkürzung für Contract for Difference (Differenzkontrakt). Diese Derivate werden vornehmlich mit Aktien, aber auch mit Indices oder Rohstoffe und Währungen sowie Anleihen unterlegt.

    Differenzkontrakt bedeutet die Vereinbarung der Differenz eines Basiswerts zwischen dem Termin der Positionseröffnung und dem Zeitpunkt der Positionsschließung. Gehandelt werden ausschließlich Kursveränderungen. Zu beachten ist der Spread. Zwischen Kaufkursen und Verkaufskursen gibt es also eine Differenz.

    Spekuliert werden kann auf fallende und auf steigende Kurse. CFDs sind hoch spekulativ. Nicht nur Totalverluste sind möglich, es kann darüber hinaus zu Nachschusspflichten in unbegrenzter Höhe kommen.

    Der Grund liegt in der Natur des Differenzgeschäfts, dem Handel auf Margin. Die vom Käufer benötigten Marginsätze betragen nur einen Bruchteil des Gesamtwerts einer Position. Mit extrem geringem Eigenkapital können also große Beträge bewegt werden. Beispiel: Der Marginsatz eines CFD Brokers beträgt 0,5 %. In diesem Fall können mit 500 € Positionen zum Gesamtwert von 100.000 € eingegangen werden.

    CFDs werden nur im OTC Handel angeboten.

    Handel

    Derivate werden entweder an besonderen Börsen oder OTC (Over the Counter) gehandelt. Besondere Risikopapiere wie CFDs werden nur außerbörslich, also OTC, gehandelt. Beispielsweise stellen für einen solchen Handel Onlinebroker gesonderte Plattformen zur Verfügung.

    Bekannte Spezialbörsen für Warentermingeschäfte gibt es zum Beispiel in Chicago oder in New York.

    In Deutschland können Derivate, in erster Linie Zertifikate, Optionen und Optionsscheine an der Scoach (ein gemeinsamer Börsenplatz der Schweizer und der Deutschen Börse) und an der Euro EUWAX (Börse Stuttgart) gehandelt werden. Außerdem gibt es noch die Eurex, die in Anspruch nimmt, die größte Terminbörse der Welt zu sein.

    Die EUWAX bietet eine besonders große Auswahl an Zertifikaten, Optionsscheinen und Optionen an sowie außerdem besondere Hilfestellungen für Anleger.

    Die meisten Derivate werden von Emittenten ausgegeben. Der Handel über Spezialbörsen hat aber den Vorteil, dass sich Emittenten bestimmten Regeln unterwerfen müssen, um ihre Produkte über die Börse anbieten zu können. Das gilt beispielsweise für die Stellung fortlaufender Kurse und die Zurverfügungstellung eines ausreichenden Volumens.

    Direktbanken und Onlinebroker wie Comdirekt ermöglichen den Onlinehandel mit Derivaten sowohl OTC als auch an Spezialbörsen wie die EUWAX.

    Wem nutzen Derivate

    Bestimmte Derivate können als Instrumente zur Risikoabsicherung eingesetzt werden. Unternehmen können damit Währungsrisiken, Kreditrisiken, Zinsrisiken und Marktpreisrisiken verringern. Werden große Vermögen verwaltet, können Optionen (Puts) oder Swaps zur Minimierung des Kursrisikos in Betracht kommen.

    Die wichtigsten Zentralbanken haben sich bestimmter Swaps bedient, um mit den gefährlichen Folgen der Finanzkrise zurechtzukommen.

    Derivate laden erfahrene Anleger mit genügend überflüssigem Kapital zum Spekulieren ein. So ersparen sie sich den Versuch eines Casinos oder die Anmeldung bei einem Onlinecasino.

    Zum Vermögensaufbau eignen sich Derivate entweder überhaupt nicht oder nur sehr eingeschränkt. Wegen der Termingebundenheit ist eine langfristige Kapitalanlage meistens nicht oder nur sehr schwierig möglich. Die meisten Derivate werden von Banken ausgegeben. Die Konditionen sind regelmäßig so gewählt, dass unter dem Strich die Banken mehr verdienen und tendenziell die größeren Gewinnchancen haben als Anleger, ähnlich wie eine Spielbank beim Roulette.

    Unübersichtliche Konstruktionen machen es Anlegern schwer, die Ertragskraft und Risikogeneigtheit eines bestimmten Derivats zu durchschauen. Fehler oder mangelnde Disziplin bei der Anlage können schnell zum Totalverlust führen.

    Am ehesten eignen sich noch einige Zertifikate für Privatanleger. Es werden Papiere angeboten, die Verlustrisiken minimieren, im Gegenzug aber häufig überproportional auch die Gewinnchancen gegenüber Direktanlagen verringern.

    Derivate können zur Destabilisierung der Finanzmärkte missbraucht werden. Computergestützter Handelssysteme ermöglichen das Eingehen und das Abstoßen von extrem großen Mengen innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde. Dadurch können die Kurse der Basiswerte erheblich durcheinandergebracht werden.

    Deswegen versuchen Regierungen, auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der Finanzkrise, die Ausgabe und den Handel zu regulieren. Ein Beispiel ist die Finanztransaktionssteuer. Ein weiteres Beispiel ist die Verordnung EMIR, die für standardisierte OTC-Derivate eine Clearingpflicht einführt sowie unterschiedliche Meldepflichten vorsieht.