Zinsen steigen? Jetzt Geld anlegen oder Kredit aufnehmen?

    Längerfristige Zinsprognosen sind ähnlich schwierig wie die Voraussage von Kursentwicklungen am Aktienmarkt. Ob die Zinsen steigen oder fallen, ist von einer Vielzahl von zukünftigen Faktoren abhängig, die zum Zeitpunkt der abgegebenen Prognosen keiner genau kennt.

    Finanzkrise und Eurokrise sind Beispiele dafür, wie relativ unvorhersehbare Ereignisse das Zinsgefüge durcheinanderwirbeln können.

    Deswegen sind die aktuellen Prognosen von Fachleuten, dass längerfristig mit einer Zinswende zu rechnen ist, mit Vorsicht zu bewerten.

    Andererseits gibt es eine Reihe von Anhaltspunkten dafür, dass die europäische Zentralbank ihre Politik des billigen Geldes Ende 2018 oder doch während des Jahres 2019 schrittweise beenden und die Leitzinsen anheben wird.

    Steigende Zinsen haben sowohl für Geldanleger als auch für Kreditnehmer erhebliche Bedeutung. Aber die Auswirkungen einer Zinswende sind sehr unterschiedlich.

    Wie können sich Sparer und Kreditnehmer auf eine mögliche Zinswende vorbereiten? Und insbesondere: Wie wirken sich steigende Zinsen auf bestehende oder geplante Immobilienfinanzierungen aus?

    Zinsen steigen? Was spricht dafür, was dagegen?

    Welche Gründe – aus heutiger Sicht – sprechen für eine Zinswende und welche dagegen?

    Weltweit hat sich die Konjunktur seit Finanzkrise und Eurokrise deutlich erholt. Mehr Beschäftigung, bessere Löhne und eine im vernünftigen Rahmen ansteigende Inflationsrate sind die Folge.

    In den USA hat die FED, die amerikanische Zentralbank, bereits mit Zinserhöhungen reagiert. Man geht davon aus, dass die amerikanischen Leitzinsen Ende 2019 bei 3 % liegen werden.

    In der Eurozone sieht die Konjunktur im Großen und Ganzen ebenfalls gut aus.

    Selbst in den südlichen Euro-Staaten haben sich die wirtschaftliche Situation und die Arbeitsmarktsituation verbessert.

    Die Inflation nähert sich dem von der EZB als ideal angesehenen Wert – 2 %.

    Andererseits gibt es in der Eurozone nach wie vor Probleme. Sie werden vor allem durch den Finanzsektor in Italien und anderen südeuropäischen Ländern verursacht. Dort machen die Banken erhebliche Verluste.

    Ein Zinsanstieg könnte die Finanzsektoren in den genannten Ländern gefährden und damit gleichzeitig die Konjunkturentwicklung im Euroraum insgesamt infrage stellen.

    Die EZB agiert deswegen ausgesprochen vorsichtig. Eine Wende in der Zinspolitik wird zwar nicht ausgeschlossen. Aber noch kauft die Zentralbank monatlich Anleihen im Wert von etwa 30 Milliarden Euro.

    Die EZB legt ihre Geldpolitik in Leitlinien fest. Manche Analysten glauben, dass die EZB ihre Leitlinien im Herbst 2018 ändern wird, um schrittweise aus der expansiven Geldpolitik auszusteigen.

    Erst wenn die Anleiheaufkäufe – die Politik des billigen Geldes – beendet werden können, kommt eine Zinswende infrage. Das jedenfalls ist den Äußerungen von Draghi zu entnehmen.

    Voraussichtlich wird diese Situation im Laufe des Jahres 2019 eintreten, und zwar eher zum Jahresende als zum Jahresanfang.

    Hält zu diesem Zeitpunkt die gute konjunkturelle Entwicklung an, und führt dies zu einer angemessenen Inflationsrate, ist mit einer Zinswende zu rechnen.

    Fazit:

    Gegenwärtig ist mit steigenden Zinsen ab Mitte bis Ende 2019 eher zu rechnen, als mit einer Beibehaltung der Politik des billigen Geldes.

    Für diese Einschätzung sprechen auch die Bewegungen am Zinsmarkt.

    Die Zinsen für Immobiliendarlehen mit zehnjähriger Zinsbindung betrugen noch Ende letzten Jahres ca. 1,3 %. Jetzt liegen sie durchschnittlich bei 1,6 %.

    Die Renditen am Rentenmarkt erholen sich. Die zehnjährige Bundesanleihe bringt gegenwärtig etwa 0,7 % Rendite. Im Dezember 2017 betrug die Rendite lediglich 0,3 %.

    Ein wichtiger Referenzzins im Interbankenhandel, der Zehn-Jahres-Midswap notiert gegenwärtig bei über 1 %, der höchste Wert seit knapp drei Jahren.

    Der Markt leitet keine Zinswende ein. Dies geschieht durch Entscheidungen der Zentralbanken. Allerdings wird auch die EZB die Signale des Marktes nicht auf Dauer leugnen können, zumal die Fed mit Zinserhöhungen vorangegangen ist.

    Wenn eine Zinswende erwartet wird, gleichgültig, ob wahrscheinlich Zinsen steigen oder fallen, hat dies immer Auswirkungen auf Sparer und Kreditnehmer. Das gilt allgemein und ist unabhängig von der konkreten Situation, in der wir uns gegenwärtig befinden.

    Im folgenden Stellen wir kurz unsere Meinung dar, wie Kreditnehmer und Anleger agieren sollen, wenn steigende Zinsen erwartet werden.

    Kreditnehmer: Was tun bei steigenden Zinsen?

    Steigende Zinsen bedeuten erhebliche Mehrbelastungen bei zukünftigen Kreditaufnahmen. Sichtbar wird dies vor allem bei Immobilienkrediten. Wenige Zehntel Prozent können die Gesamtbelastung um Tausende Euro erhöhen.

    Es wäre nun falsch, mit Blick auf die Zinswende Kredite zu vermeintlich noch günstigen Zinssätzen aufzunehmen, wenn man sie eigentlich nicht benötigt.

    Ist allerdings eine Maßnahme, die mit fremden Mitteln finanziert werden soll, sicher geplant, empfiehlt sich ein Vorziehen dieser Investition, solange die Zinsen noch besonders niedrig sind.

    Das gilt vor allem für Immobilienfinanzierungen, die wegen großer Kreditbeträge und langen Laufzeiten immer hohe Gesamtkosten aufweisen.

    Wer also in den nächsten ein bis zwei Jahren bauen möchte, der sollte versuchen, die Baumaßnahmen vorzuziehen und den Kredit jetzt aufnehmen.

    Besteht eine laufende Immobilienfinanzierung, die mit höheren Zinsen ausgestattet ist als das gegenwärtige Zinsniveau, sollte eine Umfinanzierung geprüft werden.

    Lange Zinsbindungsfristen bei Immobilienfinanzierungen rentieren sich, wenn Zinsen voraussichtlich steigen werden. Kürzere Zinsbindungsfristen sind sinnvoll, wenn mit fallenden Zinsen gerechnet wird.

    Kreditnehmer sollten deshalb in der gegenwärtigen Situation lange Zinsbindungsfristen wählen, selbst wenn die Zinssätze deshalb höher ausfallen. Die Zinsbindungsfrist kann ruhig 20 oder 25 Jahre betragen.

    Forwarddarlehen sind eine Möglichkeit, günstige Zinssätze für die Finanzierung späterer Vorhaben zu sichern. Die Zinsen für solche Kredite sind etwas höher als die üblichen Kreditzinsen. Dennoch kann sich ein Forwarddarlehen lohnen.

    Allerdings sind die Zinsen umso höher, je länger die Frist bis zum Kreditabruf bemessen wird.

    Geldanlage und steigende Zinsen

    Während Kreditnehmer unter steigenden Zinsen leiden, ist das Bild für Anleger differenzierter. Grob gesagt, profitieren festverzinsliche Geldanlagen und Rentenpapiere von steigenden Leitzinsen, während die Auswirkungen auf Aktienkurse, jedenfalls zeitweise, negativ sein können.

    Anleger sollten keine festverzinslichen Geldanlagen mit langen Laufzeiten vereinbaren, wenn sie von zukünftig steigenden Zinsen ausgehen.

    Das bedeutet: Tagesgeld oder kurzfristiges Festgeld statt einer langfristigen Festgeldanlage. Wer sich für Festgeld entscheidet, sollte sich höchstens für ein bis zwei Jahre binden.

    Anleger mit einem bestehenden, gut diversifizierten Wertpapierdepot, sollten sich von Spekulationen über die Zinswende nicht irritieren lassen. In einem diversifizierten Portfolio sind entsprechend dem Risikoprofil des Anlegers wenigstens Rentenpapiere und Aktien enthalten.

    Anleger fahren unseres Erachtens am besten, wenn sie ihre bisherige Anlagestrategie konsequent weiter verfolgen. Schwächeln Papiere der einen oder anderen Assetklasse, kann vermehrt nachgekauft werden.

    Etwas vorsichtig sollten Sie vielleicht mit Investitionen in die Immobilienbranche sein (Beispiele: Reits oder Immobilienaktien wie Vonovia).

    Die Immobilienbranche steht bei steigenden Zinsen vor zwei Herausforderungen:

    • Einmal die steigenden Zinsen selbst. Sie wirken sich negativ auf die Ertragssituation und auf Expansionsstrategien aus.
    • Zum anderen Veränderungen in der Einzelhandelsbranche. Vor allem Reits sind oft in Einzelhandelszentren investiert. Mit zunehmendem Internethandel geraten aber die Einzelhandelszentren unter Druck.

    Besonders deutlich wird dies zurzeit in den USA. Investoren in Einzelhandelszentren stöhnen über Ertrags- und Umsatzrückgänge und verlangen gegen angebliche Wettbewerbsverzerrungen eine höhere Besteuerung von Internethändlern wie Amazon.

    Für Anleger, die ein Wertpapierdepot erst aufbauen wollen, gilt im Prinzip nichts anderes. Sie sollten die künftige Zusammensetzung ihres Depots nach ihrem Risikoprofil aufbauen. Renten und Aktien sind dabei die wesentlichen Bausteine.

    Allerdings ist es vielleicht sinnvoll, statt des Rentenanteils zunächst in Tagesgeld zu investieren, um später, wenn ein Anstieg der Renditen bei Renten deutlicher hervortritt, Tagesgeld gegen Rentenpapiere auszutauschen.

    Zudem könnte vielleicht ein etwas höherer Cashanteil in Erwägung gezogen werden, um auf die zukünftigen Entscheidungen der EZB reagieren zu können. Der Cashanteil kann ebenfalls mit Tagesgeld dargestellt werden.